Von Magdeburg nach Berlin: 204 Kilometer schieben für die Pflege
04.09.2026 - Man muss heutzutage schon Ungewöhnliches ersinnen, um die Bundesregierung dazu zu bewegen, das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) grundlegend zu überarbeitet. Die Gewerkschaft ver.di macht hierzu mit einer spektakulären Aktion auf drohende Verschlechterungen in der Altenpflege durch das PNOG aufmerksam.
Seit Sonntag (30. August 2026) schieben Beschäftigte aus Pflegeeinrichtungen ein Pflegebett von Magdeburg bis nach Berlin zum Bundestag.
Volle 204 Kilometer Weg, um den politisch Verantwortlichen klarzumachen, was auf dem Spiel steht. Der langjährig in der Altenpflege beschäftigte Gewerkschafter und Mitinitiator der Aktion, Hans-Jürgen Schneider aus Moers, findet: "Dafür ist uns kein Weg zu weit!“ Es soll Druck erzeugt werden, "damit Menschen bei Pflegebedürftigkeit gut abgesichert sind und wir Beschäftigte in der Altenpflege zu guten Bedingungen arbeiten können".
Altenpfleger und Betriebsrat Johannes Hermann, ebenfalls Mitinitiator der Aktion, kritisierte die geplante Aussetzung der Tariflohnpflicht und die unzureichende Refinanzierung von Tariferhöhungen. „Wir haben in den vergangenen Jahren viel getan, um die Arbeit in der Altenpflege attraktiver zu machen“, so der ehrenamtliche Vorsitzende des ver.di-Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen. „Für die pflegebedürftigen Menschen und die Beschäftigten wäre es fatal, das nun wieder zurückzudrehen.“ Daher wende sich die Aktion auch gegen die Kürzung von Zuschüssen für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen.
Die Bundesregierung habe mutige Reformen angekündigt, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler zum Start der Aktion. „Doch Kürzungen bei einer der schwächsten Gruppe unserer Gesellschaft und denen, die sie pflegen und versorgen, sind nicht mutig, sondern armselig." Die Pflegeversicherung müsse dringend zukunftsfest gemacht werden. Das bedeute vor allem eine solide und nachhaltige Finanzierung.
ver.di hat klare Forderungen, die am Montag, den 7. September, in Berlin den politisch Verantwortlichen übergeben werden sollen:
Attraktive Arbeitsplätze durch tarifliche Bezahlung: Tarifverträge müssen flächendeckend gelten und voll refinanziert werden.
Eigenanteile der Bewohner*innen deckeln – statt die staatlichen Zuschüsse dazu zu kürzen.
Pflegende Angehörige wertschätzen durch mehr Unterstützung, statt ihnen die Rentenbeiträge um 30 Prozent zu kürzen.
Versicherungsfremde Leistungen aus Steuern finanzieren: Die Rentenversicherung für pflegende Angehörige ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Rückzahlung der Corona-bedingten Ausgaben auch. "Der Bund muss endlich Verantwortung übernehmen."
Finanzausgleich zwischen sozialer und privater Pflegeversicherung: "Es braucht zumindest einen Mechanismus, der die unterschiedliche Risikostruktur beider Systeme in Ausgleich bringt."
Alle Einkommensarten in die Pflegefinanzierung einbeziehen, "zum Beispiel auch hohe Mieteinnahmen und Aktiengewinne".
Vollversicherung für die Pflege einführen. "Bei Einbeziehung aller Einkommensarten wäre eine solche solidarische Pflegegarantie gut finanzierbar, ohne dass die Beiträge stark steigen."
Dafür ist jetzt das Pflegebett auf Tour. "Damit der Sozialstaat nicht auf der Strecke bleibt", sagen die Beteiligten und schieben weiter.
► Start war am 30. September um 14.14 Uhr in Magdeburg am Uniklinikum. Die erste Etappe durch die Stadt: 8,9 km.
► Am 31. September ging es dann ab 7.56 Uhr von Magdeburg nach Burg, eine Wanderung über 31,2 Kilometer, die sehr gute Kondition erforderte, aber über leichte Wege führte.
► 38,6 Kilometer war die Wegstrecke am 1. September dann von Burg nach Genthin. Um 9.45 Uhr ginge los, erneut brauchten "Schiebende" wie Begleitenden ordentlich Ausdauer.
► Am 2. September startete die Tour in Genthin am Morgen. Vor den Beteiligten lagen 28,9 Kilometer bis ins Städtchen Brandenburg an der Havel.
► Am 3. September ging' s dann von Brandenburg an der Havel nach Werder (Havel) – auch nochmal 28,5 Kilometer lang.
► Heute ist Freitag, der 4. September. Am späten Nachmittag liegen lockere 13,9 Kilometer von Werder (Havel) nach Potsdam hinter den Beteiligten – ein Kinderspiel...
► Am morgigen Samstag (05.09.) haben sie wieder 26,4 Kilometer zu bewältigen – von Potsdam nach Berlin.
► Auch Sonntag (06.09.) wird nicht ausgeruht, denn Berlin ist groß. Genauer gesagt sind es vom Startpunkt Am Bahnhof Westend nach Gürtelstraße in 10409 Berlin exakt 14,1 Kilometer. Deshalb geht`s erst mittags los.
► Dann kommt endlich Montag, der 7. September: Jetzt noch die letzten 7,9 Kilometer lange Etappe von der Gürtelstraße zum Reichstagsgebäude, dann ist es geschafft.
Übrigens: Hans-Jürgen Schneider und Johannes Hermann (Foto) schieben das schwere Pflegebett nicht allein, denn "auf Strecke" gibt es viele Pflegekräfte und pflegende Agehörige, die kräftig mitschieben. Eine tolle Aktion!
Quelle: verdi.de
Foto: Ella Hartung/verdi.de
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