Heinz Rothgang: Scharfe Kritik am "Stapelleistungseffekten"


19.02.2026 - Der Bremer Gesundheitsökonom Prof. Dr. Heinz Rothgang (Foto) hat erneut kritisiert, dass die Politik keinen Mut zu einer echten Pflegereform habe und nur an den Symptomen herumdoktern wolle.

Das Thema Pflege sei Chefsache und sollte auf der politischen Agenda ganz oben stehen, so Rothgang in einem Interview mit dem MDR. "Doch der Gesundheitsbereich und die Pflege stehen ganz unten." Dass die Eigenanteile in Pflegeheimen inzwischen doppelt so hoch wie die Eckrente seien, nannte er "Systemversagen".

Rothgang hält – ökonomisch gesehen – das Pflegeheim für am günstigsten, "weil man alles vor Ort hat mit kurzen Wegen und die Personalbemessung besser optimieren kann als ambulant". Aus Sicht der Pflegeversicherung sei jedoch die informelle Pflege zu Hause durch die unbezahlten Leistungen der Angehörigen am günstigsten. Der gesetzlich festgeschriebene Grundsatz "ambulant vor stationär" zahle sich daher vor allem für die Pflegeversicherung aus.

Zündstoff lieferte Rothgang im Interview mit seiner Kritik an "Stapelleistungseffekten" im Betreuten Wohnen, wo Betreiber auch Sachleistungen, Leistungen für Tagespflege sowie von der Krankenkasse finanzierte häusliche Krankenpflege in Rechnung stellen können. "In Summe liegen die von den Sozialversicherungen gezahlten Leistungen dann doppelt so hoch wie bei der Heimpflege", so der Gesundheitsökonom. Weil Investoren das erkannt hätten, würden sie statt auf vollstationäre Einrichtungen eher z.B. auf Service-Wohneinrichtungen setzen. "Die Anlage sieht aus wie ein Heim, nur mit Klingelschildern für die Bewohner", so Rothgang. Derartige Projekte bezeichnet er als "anbieterorientiert" und "oft mit dem Ziel, mehr Geld aus dem System rauszuholen". Dabei würden zu den positiven Effekten von betreutem Wohnen kaum sichere Erkenntnisse vorliegen.

Und er wird noch deutlicher im Interview, sagt: "Das sind dann teilweise Geschäftsmodelle, um die Sozialversicherungen zu melken." Die Sozialversicherung zahle mehr, ohne dass sich notwendigerweise die Qualität erhöhe. Rothgang betont, dass die Kombination mehrerer Leistungen bei ambulanter Pflege völlig legal sei, aber eigentlich so gar nicht gedacht war.

Rothgang plädiert u.a. dafür, auf der Leistungsseite offensichtliche Fehlentwicklungen wie doppelte Leistungsabrechnungen zu unterbinden und insgesamt auf eine sektorenfreie Versorgung zu setzen – mit einheitlichen modularen Pflegeleistungen und entsprechenden Preise unabhängig vom Wohnort. "Wir regulieren uns zu Tode, indem wir jedes Modell einzeln regulieren. Das muss alles weg. Wir brauchen ein einheitliches Ordnungsrecht, Entbürokratisierung und eine sektorenfreie Versorgung", ist sein Fazit.

Hier das gesamte Interview

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