DAK-Pflegereport: Pflegesystem vor nahen Kipppunkten


11.04.2024 - Die Situation der beruflichen Pflege in Deutschland verschärft sich durch das Ausscheiden der Baby-Boomer-Generation massiv. Neben erheblichen Finanzierungslücken in der Pflegeversicherung bedroht die steigende Personalnot zunehmend die Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Das sind Ergebnisse des aktuellen Pflegereports der DAK-Gesundheit. Danach sollen in Bremen und Bayern bereits 2029 die Kipppunkte erreicht werden, an denen deutlich mehr Pflegende in den Ruhestand gehen als Nachwuchskräfte in den Beruf einsteigen.

Unter der Leitung von Prof. Thomas Klie (Foto) vom Institut AGP Sozialforschung haben Wissenschaftler*innen die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf das Pflegesystem untersucht. Danach wird die ohnehin dünne Arbeitsmarktreserve von rund 11.750 Fachkräften (2,0 Prozent) in 2025 auf lediglich 5.600 Fachkräfte (0,5 Prozent) bundesweit im Jahr 2030 abschmelzen.

Die Folge: In fünf Jahren setzt in den ersten Bundesländer der Kipppunkt ein, an dem der Pflegenachwuchs die altersbedingten Berufsaustritte der Baby-Boomer nicht mehr auffangen kann. Dazu Studienleiter Thomas Klie: „Wir haben trotz guter Ausbildungszahlen keinen Puffer gegen die berufsdemografischen Dynamiken in der Pflege. Ein Ausbau der Personalkapazitäten in der Pflege wird demografiebedingt nicht gelingen. Mithilfe von Wiedereinsteigerprogrammen, Zuwanderung und Qualifizierungsstrategien lassen sie sich bestenfalls stabil halten.“

Laut DAK-Pflegereport müssen in den nächsten zehn Jahren fast in jedem Bundesland 20 Prozent Pflegepersonal ersetzt werden. Hinzu kommt eine überdurchschnittlich große gesundheitliche Belastung des Pflegepersonals. Vor allem Erkrankungen des Bewegungsapparates und psychische Belastungen sind ursächlich für durchschnittlich über 50 Fehltage von Beschäftigten in der Altenpflege in der Altersgruppe ab 58 Jahren.

Und auch mit Blick auf die Finanzierung steht das Pflegesystem vor einem Kipppunkt: Bereits für das vierte Quartal 2024 zeichnen sich laut Berechnungen im DAK-Pflegereport deutliche Finanzierungslücken ab. Diese würden voraussichtlich Beitragssatzerhöhungen noch vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr erforderlich machen, zeigt der Report auf. Damit wäre das abgegebene Versprechen von Bundesgesundheitsminister Lauterbach, die Pflegefinanzen zumindest kurzfristig bis zum Ende der laufenden Wahlperiode stabil zu halten, dann hinfällig.

Studienleiter Klie: „Wir als immer älter werdende Gesellschaft benötigen Modelle ,geteilter Verantwortung‘, die intelligente Verschränkungen von professioneller Pflege, informeller Sorge und zivilgesellschaftlicher Initiative ermöglichen – wie etwa in ambulant betreuten Wohngemeinschaften praktiziert. Eine Mixtur aus nachberuflicher Erwerbstätigkeit und bürgerschaftlichem Engagement könnte vor Ort einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Pflegesituation leisten.“ Erforderlich seien zudem bürokratische Abrüstung, sektoren- und professionsübergreifende Kooperations- und Versorgungsformen sowie Planung auf kommunaler Ebene. Und ein flächendeckendes Angebot von Betreuungs- und hauswirtschaftlichen Unterstützungsformen, um pflegende Angehörige zu stärken.

Potenzial zur Stabilisierung des Pflegesystems liegt laut Thomas Klie auch in der gezielten Ausweitung der Handlungskompetenzen des Pflegepersonals: „Wir können es uns nicht leisten, unsere Fachkräfte weiter mit fachfremden Aufgaben zu beschäftigen und bürokratisch zu kontrollieren wie bisher." Mit weniger, aber kompetenzorientiert eingesetzten Fachkräften wären aber effizientere Versorgungssettings zu schaffen und Prävention zu fördern. "Dafür müssen die beruflich Pflegenden in ihrer Eigenständigkeit gestärkt werden. Ohne sie werden wir die gesundheitliche Versorgung in Deutschland nicht meistern.“

Quelle: Pressemeldung DAK Gesundheit

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