28. Bundeskongress: Klare Worte


13.11.2023 - "Umbau der AltenHilfe JETZT!" forderten der DVLAB und die Referent*innen auf dem 28. Bundeskongress am 9. und 10. November 2023 in Berlin. Dass es höchste Zeit ist, die Zukunft zu sichern, wurde den 450 teilnehmenden Leitungskräften aus der Altenhilfe aus verschiedenen Perspektiven eindringlich dargelegt.

Bis in die letzte Reihe des voll besetzten Kongresssaals drangen die ungewöhnlich klaren Worte der Expertinnen und Experten vor. Hier einige Schlaglichter:

Der DVLAB Bundesvorsitzende Peter Dürrmann (Foto) sagte in seiner Eröffnungsansprache: "Dieser Kongress wird Ihnen mit Blick auf die gegenwärtige und perspektivisch leider auch zukünftige Entwicklung der Altenhilfe keine leichte Kost servieren. Zu groß sind die Herausforderungen, die wir als Leitungskräfte in unserem eigenen Wirkungskreis kaum noch selbst beeinflussen können." Angesichts der völlig unterschätzten Auswirkungen der anstehenden Verrentungswelle der Baby-Boomer gehe es nun um nichts weniger als die Rettung der Altenhilfe. "Wie können wir dem Arbeits- und Fachkräftemangel in unserer Branche begegnet? Ein Weiter-so wie bisher kann keine Alternative sein." Und da der Pflegenotstand nicht allein der Notstand der Altenhilfe sei, müsse auch danach gefragt werden, wie die Neuausrichtung der Altenhilfe ohne Sektoren unter Einbindung der Gesellschaft realisiert werden kann.

Der Soziologe Prof. Dr. Thomas Druyen von der Siegmund Freud Privatuniversität Wien prangerte an: "Seit Jahrzehnten wissen wir um den demografischen Wandel und seine Folgen – aber nichts tut sich.“ Das bringe die Altenhilfe und andere Gesundheitsberufe in eine desaströse Situation. "Jetzt muss die Bevölkerung der Politik gehörig Druck machen, denn die Wissenschaft kann das nicht."

Der Theologe und Soziologe Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer befundete, dass die Pflege vom "Nebengleis" der Gesellschaft plötzlich auf das Hauptgleis gerate, weil die Schere zwischen der jeweiligen Anzahl der Pflegebedürftigen und der beruflich Pflegenden immer weiter aufginge. Daher sieht er auch in der Altenhilfe die Dienstleistungsgesellschaft nun am Ende ihres Weges angekommen. "Wir werden andere, neue Wege des Pflegens gehen müssen." Und das in einer sorgenden Gesellschaft, in der die Profis zwar das Rückgrat der Pflege bleiben, aber zugleich nachbarliche Unterstützung und zivilgesellschaftliches Engagement ermöglicht werden.

"Ich kann die eloquenten Worthülsen aus der Politik, dass ´die Pflege`so wichtig sei, nicht mehr ertragen", wetterte die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Hasseler. Dabei setze die Politik auf Masse statt auf (mit)denkende Pflegekräfte und verbreite so die Botschaft, dass es egal sei, wer in der Pflege arbeite. "Hände statt Menschen – wie sollen beruflich Pflegende da positiv über ihren Beruf reden?" Kritik äußerte Hasseler auch am SGB XI. "Damit wurden Deutungshoheiten geschaffen, aber nicht Pflegeberufe und ihre Leistungen abgebildet." Trotzdem werde ganz selbstverständlich – und ohne Finanzierung –erwartet, dass pflegefachliche Leistungen erbracht werden, "weil sie ja sowieso schon vor Ort sind".

Der Sozial- und Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Klie wiederum stellte fest, dass in Deutschland keine gleichwertigen Lebensbedingungen vorherrschen und viele Potenziale ungenutzt bleiben. Er plädierte als Bausteine für eine künftige Altenhilfeplanung vehement für Beteiligungsformen, örtliche Sorgestrukturen, die auch Begegnung ermöglichen, sowie breite Unterstützungsangebote. Aus diesem Grund sollten aus seiner Sicht die kommunalen Handlungsebenen gestärkt werden. "Die Länder und Kommunen müssen sich aus ihrer abwartenden Haltung herausbewegen", sagte Knie, der die derzeitige Marktordnung in der Pflege für amoralisch hält und die Kommunen im Rahmen der Daseinsvorsorge in der Pflicht sieht. "Es muss alles neu gedacht und reguliert werden."

Den Gerontopsychiater Prof. Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch bewegte auf dem Kongress das Thema Einsamkeit: "Sie ist nicht nur im Alter zerstörerisch und zudem ein Demenzrisiko, sondern das Thema ist generell eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung." Zudem beschere Einsamkeit der Volkswirtschaft erhebliche Mehrkosten, denn dieses Leiden führe zu mehr Erkrankungen, mehr Krankenhausaufenthalten und auch mehr Pflegebedarf.

Mehr über den 28. Bundeskongress, die dort erlebten Vorträge und Diskussionen sowie die Arbeit des DVLAB im Jahr 2023 erfahren Sie in der Jahresdokumentation CARESTYLE. Das Heft erscheint Anfang 2024.

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