Besuchsverbote: Leichte Lockerungen – um welchen Preis?


07.05.2020 - Wochenlang haben BewohnerInnen in Alten- und Pflegeheimen wegen der Besuchsverbote keinen Angehörigen mehr zu Gesicht bekommen. Das stimmt. Daher sollen nun unter Auflagen in den meisten Bundesländer erste Lockerungen einsetzen. Kann der notwendige Schutz der BewohnerInnen und Mitarbeitenden trotzdem gewährleistet bleiben? DVLAB-Chef Peter Dürrmann sieht das gerade im Hinblick auf Menschen mit Demenz kritisch.

In Einrichtungen der Altenhilfe sind bei isolierten Seniorinnen/Senioren bereits zunehmend Depressionen, Lethargie, Appetitlosigkeit und weitere Auswirkungen der Besuchsverbote beobachtet worden. Die angestrebten Lockerungen könnten solche Symptome lindern – unter der Voraussetzung, dass Betroffene wie Besucher die Hygienebestimmungen und das Abstandsgebot auch einhalten können.

Als problematisch könnten sich nach Peter Dürrmann rasche Lockerungen des Besuchs- und Kontaktverbote jedoch für Menschen mit Demenz erweisen.

Zur Empfindung von demenziell veränderten Menschen in Zeiten von Corona informiert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf ihrer Website: „Menschen mit einer Demenz können massive Gefühlen von Angst und Bedrohung entwickeln, wenn sie eingesperrt sind. (...)
Sie verstehen oft auch nicht, warum sie eine Maske tragen sollen, und fühlen sich dadurch irritiert, wollen die Maske nicht aufsetzen oder aufbehalten. Sie verstehen oft ebenso wenig, warum sie keinen Besuch mehr erhalten und nicht mehr spazieren gehen können. Sie leiden unter dieser Situation.“

Das ist nachvollziehbar. Die Folgen des Leids müssen die derzeit ohnehin enorm geforderten Pflegekräfte zusätzlich abfedern, obwohl schon zu normalen Zeiten in den Einrichtungen Personal- und Zeitmangel herrscht. Helfen da wieder zugelassene Besuche von Angehörigen?

Gegenfrage: Würden nicht auch jene Folgen auf den Schultern der Pflegekräfte lasten, wenn die gut gemeinten Lockerungen der Besuchsregelungen nicht wie beabsichtigt zu positiven Effekten bei Menschen mit Demenz führen werden? Durchaus vorstellbar, dass die Betroffenen die "Begegnungsregeln" (z.B. Abstand halten, Mundschutz tragen) gar nicht befolgen können. Sie dürfen ihre Tochter nicht in den Arm nehmen, nicht ihren Sohn küssen. Was, wenn sie es trotzdem tun? Und was, wenn sie daran gehindert werden und dann erst recht Angst und Stress haben?

Außerdem: Einrichtungen für und Pflegekräfte von Menschen mit Demenz haben berechtigte Angst vor Infektionen, die rasch unbeherrschbar werden können.

Die Abwägung zwischen Herstellung von Sicherheit auf der einen Seite und Erfüllung von Besuchswünschen auf der anderen Seite ist schwierig, das sieht auch Peter Dürrmann. Er schlägt deshalb vor: Lockerungen von Besuchsverboten sollten nicht generell, sondern differenziert nach Einrichtungen, Wohnformen, Wohnkonzepten und betreuten Personengruppen vorgenommen werden.



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